Zurück zu "Charaktergeschichten [RP-Forum]"

25.03.2008 16:59:06
Auf Gutes folgt immer Böses, auf Böses folgt immer Gutes (#8626)
JessMind
Ruella kletterte zum dritten Mal über den Zaun und blickte sich um.
"Nofery? Hast du Edell gesehen?", fragte sie ihre Schwester.
"Deine Kleine? Die hat wirklich Hummeln im Hintern.", murmelte Nofery nur und ging dann um die Scheune herum. Ruella lebte auf dem Bauernhof ihrer Schwester. Noferys Ehemann, Tahlon, duldete Ruella und ihre Tochter Quiedelle, genannt Edell, auf dem Hof, aber er verachtet Ruella trotzdem. Zu früh war sie Mutter geworden und vom Vater wusste sie nur, dass er ein Priester Mystras war und durch Faerun wanderte. Schon früh war Ruella eine Schafhüterin gewesen und so ging sie diesem Beruf auch bei ihrem Schwager nach. Sie bekam dafür zu essen und ein trockenes Lager. Ihre Tochter musste manchen Tag hungern, weil Tahlon das Kind nicht am Hof haben wollte. Viele im Dorf dachten, dass Edell kein richtiger Mensch war.
Es ging ein Gerücht um. Quiedelles Vater solle angeblich ein Dämon gewesen sein, der zuerst Ruellas Unschuld geraubt hatte und sein unheiliges Kind zurückließ um dem Dorf zu schaden. Edell hatte kaum Freunde und wurde selbst von ihrer Tante Nofery gemieden.

Dazu kam, dass Edell sich mit Tieren meistens besser verstand als mit Menschen, und sie sowohl mit den Schafen als auch mit Füchsen innige Freundschaften pflegte. Oft streunte das Mädchen im nahen Wald umher ohne sich davor zu fürchten von einem wilden Wesen angegriffen zu werden. An diesem Tag hatte sich Edell noch vor dem Sonnenaufgang aus der Scheune gestohlen. Eine Laterne, einen Laib Brot und eine kleine Kanne Schafsmilch hatte sie ihrem Onkel gestohlen. Mit einem Lederbündel über dem Rücken war sie quer über das Rübenfeld ihres Onkels gestolpert an dessen Ende der Wald begann. Edell war zehn Jahre alt an diesem Tag und sie hatte ein Ziel. Der Bürgermeister hatte in der Taverne erzählt, dass es tief im Inneren des Waldes einen heiligen Schrein des Silvanus gab. Das Mädchen wusste, dass Silvanus der Vater der Wälder war, denn das hatte ihre Mutter ihr erzählt. Sie wollte Silvanus kennen lernen. Dem Mädchen war nicht klar, wie naiv das war. In ihrer Vorstellung lebte Silvanus bei diesem Schrein. Wie immer - ohne Angst und ohne Vorsicht - schritt sie durch den Wald. Sie kannte viele Schleichwege und hatte besonders schönen Bäumen Namen gegeben, kannte zwei Fuchsfamilie und sogar einen Bären, der hinter dem Lautenbach sein Revier hatte. Ihr war nie in den Sinn gekommen, dass eines der Tiere sie angreifen könnte. Sie wanderte schon fast drei Stunden durch den Wald als ihre Mutter begann sie zu suchen. Aber sie fühlte die Anstrengung kaum. Trotzdem setzte sie sich auf einen Baumstumpf und brach ein Stück Brot für sich ab. Sie nahm einen kräftigen Schluck der warmen Schafsmilch und kicherte als sie spürte, dass ihr ein Tropfen davon am Kinn hinunter tropfte. Der Wind flüsterte in den hohen Ästen einer alten Buche.
"Guten Tag, Frau Buche", sagte sie und knickste, "Ich möchte gerne sehen, wo ich bin. Darf ich an Euch hochklettern?" Kurz sah sie abwartend zu der Buche hin, dann begann sie vorsichtig hochzuklettern. Eine Eichhörnchenfamilie betrachte das Mädchen mit den langen, schmutzigen Haaren kritisch als es sich zu den dünnen Ästen in der Krone hangelte.

"Ach... ich kann den Hof gar nicht mehr sehen...", flüsterte sie der Buche zu, "Weißt du, wo Silvanus wohnt?" Eine Weile ließ sie sich vom Wind in den Ästen wiegen, dann kletterte sie langsam und bedächtig wieder hinunter. Mit einem Arm umklammerte sie den dünneren Stamm an der Spitze und rutschte so vorsichtig von einer Astgabel hinunter. So hangelte sie sich zwei Drittel des Weges hinunter, aber da, wo der Stamm dicker wurde, konnte sie sich nur noch mit der flachen Hand aufstützen. Als sie mit dem Fuß nach einem Astloch tastete, rutschte dann jedoch ihr anderes Bein ab, sodass sie mit dem Hintern voraus fiel. Ihr Filzrock verfing sich im Sturz an einem Zweig und so hing sie nur einige Sekunden kopfüber am Baum. Atemlos betrachte sie den Boden, der ihr sogleich unaufhaltsam entgegen kam. Dann wurde die Welt dunkel und still. Ihr Gefühl für die Welt verschwand. Sie war überrascht, dass sie keinen Schmerz fühlte. Zuerst konnte sie nur ein bisschen Licht sehen, dann viele, bunte Laternen, die an ihr vorbeigetragen wurden. Männer mit tiefen, drohenden Stimmen standen neben ihr und murmelten seltsame Gesänge. Edell wollte schreien, aber kein Laut verließ ihren Mund. Sie fühlte, dass sie angefasst wurde, aber sie konnte nicht erkennen, wer da bei ihr kniete. Dann wurde es feucht. Ihr ganzer Körper schien plötzlich nass zu sein und da wurde ihr auch klar, dass sie nackt sein musste. Nun wurde aus dem dumpfen Gefühl von Nervosität Angst. Nein. Panik. Sie wollte um sich schlagen, aber ihre Glieder waren schwer und ließen sich kaum bewegen. Ihr blieb die Luft weg als sie versuchte den Kopf zu heben.

Sie fühlte wie jemand ihren Kopf berührte und etwas flaches sich darüber bewegte. Ein kratzendes Gefühl auf ihrer Kopfhaut trieb ihr Tränen in die Augen. Bisher war ihr Angst fast völlig fremd gewesen und nun konnte sie nur immer wieder denken: 'Bitte Silvanus, rette mich!' Schließlich wurde es sehr warm, so als ob jemand sie an ein Lagerfeuer gelegt hätte. Das konnte das Kind aber auch nicht beruhigen. Sie versuchte zu strampeln, dabei kam sie mit ihrem rechten Fuß an etwas, das nicht nur warm war. Die Hitze war so unerträglich, dass sie tatsächlich ein Quieken von sich geben konnte. Die Verbrennung war übel, denn ihr linkes Bein war in die Glut des Lagerfeuers geraten. Der Schmerz drohte Edell zu übermannen, aber da fühlte sie eine Hand auf ihrem Gesicht und da war plötzlich jeder Widerstand gebrochen und sie schlief ein.

"...und nun lass sie endlich in Ruhe.", sagte Yas und nahm wieder einen Zug von seiner Pfeife. Sein Begleiter grunzte nur und bohrte mit dem Finger tief in seiner Nase herum.
"Vielleicht kann man die Kleine an einen Sklavenhändler verkaufen. Von dem Geld können wir vielleicht einen Teil der Ausrüstung erneuern...", beschwichtigte Yas den Mann orkischer Abstammung. Natürlich... Es war kaum zu übersehen, dass auch menschliche Vorfahren zu Pugaps Ahnenstamm gehörten, aber sein Vater, ein Orkhäuptling, hatte ihm schon die entsprechende Veranlagung mitgegeben.
"Ich braten", murmelte Pugap.
"Du willst doch keinen Menschen fressen... oder etwa doch?" Der Magier runzelte die Stirn.
"Nur Elfen", grunzte er und lachte dann laut und ungestüm.
"Sehr witzig. Ich schmecke nicht so gut wie ich aussehe.", wehrte Yas ab. Seine Mutter war eine Sonnenelfe, sein Vater zur Hälfte Mondelf und zur anderen Mensch. Er gehörte nirgendwo dazu und war ganz froh darüber. Pugap und er arbeiteten für einen reichen Adligen. Sie suchten magischen Relikten, Artefakten und seltenen Schriften. Häufig stahlen sie diese Dinge oder gruben sie aus heiligen und geschützten Stätten aus. Trotzdem wurden sie an der kurzen Leine gehalten - vor allem finanziell. Yas dachte nicht daran sein Leben als Schatzsucher zuzubringen. Nein, er wollte bald sein Erspartes in ein kleines Häuschen investieren und dort Tränke anfertigen. Die konnte man mit leichtem Gewinn verkaufen und einigermaßen gut leben. Ihm war die Ausrüstung aber herzlich egal, aber das Mädchen sah so aus, als wäre es harte Arbeit gewöhnt. Solche herrenlose Kinder konnte man gut an die hiesigen Adligen verkaufen. Sicher... Sie würde keinen hohen Preis erzielen, aber für eine oder zwei Goldmünzen wurde man sie los.
'Kleinvieh macht ja auch Mist.', stellte er fest, während er einen Schutzzauber über den ruhenden Kinderleib aussprach. Er hatte sie schon in einen magischen Schlaf versetzt um sie daran zu hindern sich noch weiter zu wehren.

Leider war sie verletzt und er würde einen Priester oder wenigstens einen einfachen Heiler brauchen um sie vor dem sicheren Tod zu schützen. Sie musste einige Zeit vor dieser alten Buche gelegen haben. Ihr Kleid war völlig zerfetzt gewesen und das wiederum hatte bei Pugap Instinkte geweckt von denen Yas lieber nicht wissen wollte, welche es waren. Allerdings hatte Yas nicht verhindern können, dass der Grobian das Mädchen erst völlig entkleidet hatte, dann im nahen Bach gebadet hatte und ihr schließlich auch noch den Kopf schor. Es war dem Halb-Elf auch einerlei, wieso sein Begleiter ein solches Verhalten zeigte, aber er bezweifelte, dass es dem Kind gut getan hatte. Immerhin war jetzt deutlich zu erkennen, dass sich die Kleine den Kopf angeschlagen hatte. Yas hatte sie in seine Robe gewickelt, sodass er selbst nur ein Unterhemd und einfach Lederhosen trug.
"Pugap, geh und jage mir ein Reh. Ich brauche ein Fell für das Mädchen.", rief er dem Ork zu als er gerade dabei war sich an das Mädchen heran zu machen.
"Rehlein lecker", machte er, wobei alles was er sagte auch immer von irgendeinem organischen Geräusch begleitet wurde. Meistens war es ein Grunzen, aber in diesem Fall war es ein lauter, feuchter Wind.
"Das hättest du dir besser für die Jagd aufgehoben...", stellte Yas angewidert fest.
"Elflein stinkt auch", lachte Pugap, dann verschwand er zwischen zwei jungen Tannen.
Yas runzelte wieder die Stirn und roch dann vorsichtig an sich. 'Igitt, er hat recht.', schoss es ihm durch den Kopf.

Sein erster Impuls war es gleich loszugehen und sich zu waschen, aber er hatte kein gutes Gefühl dabei das Mädchen alleine zu lassen. Auch wenn ihm Moral und Gewissen schon lange abhanden gekommen waren, so machte er sich nicht mitschuldig an Verbrechen, die Kindern angetan wurden. Also musste er fürs erste damit leben, dass er nicht unbedingt roch wie frisch gebadet. Stattdessen betrachtete er die Kopfwunde des Mädchens eingehend. Es sah ziemlich übel aus. Die Wunde war etwa drei Finger lang und einen halben Finger breit. Yas konnte darunter den Knochen erkennen. Sie hatte ganz furchtbar geblutet und auch aus ihrer Nase war viel Blut gekommen. Am Morgen würde er sie auf seinen Rücken legen und zu dem Druidenhain tragen. Wenn ihr jemand helfen konnte, dann die Kräuterfresser. Für Yas war göttliche Magie ganz allgemein eher schwer verständlich. Sein Magiestudium war ihm dafür umso leichter gefallen. Seine müden und gelangweilten Augen ruhten auf den kindlichen Gesichtszügen des verletzten Menschenmädchens. Es dauerte nicht lange, da wurde er von den ruhigen Atemzügen des Mädchens angesteckt. Seine Augen fielen zu und er schlief tief und fest ein.
Am Morgen wurde er vom Summen von Fliegen geweckt, die sich auf seinem Kopf aufwärmten.
"Zischt ab, ihr widerlichen... Oh nein... Bei den Göttern... das ist ja ..." Weiter kam er nicht, denn er übergab sich erst einmal. Sein Abendbrot verteilte sich regelmäßig in seinen Stiefeln. Ein Rehfell mit Haut und Blut lag über ihm und der Kopf des toten Tieres lag zu seiner Rechten. Die Augen stierten ihn an und er musste alle Willenskraft aufbringen um nicht gleich wieder zu erbrechen.
"Das büßt du mir, Pugap...", stöhnte er als er sich von dem blutigen Fell befreite. Yas konnte kaum glauben, dass er so tief geschlafen hatte, dass er nicht bemerkt hatte, wie Pugap ihm dieses widerliche Ding über den Körper gelegt hatte. Gerade hatte er sich so halbwegs im Griff, da sah er, dass das Mädchen fort war.
'Nein... nein... Ich bin ein Idiot! Warum bin ich nur eingeschlafen!', schoss es ihm durch den Kopf. Yas griff nach seinem Zauberstecken und sah sich im Wald um. Das morgendliche Licht drang spärlich durch die dicht stehenden Bäume und die kleine Lichtung, die ihnen als Lagerstatt diente, war verlassen. Pugaps Ausrüstung war fort, dafür lag Yas Robe zusammengeknüllt am Boden. Yas Herz raste. Wohin sollte er gehen? Welche Richtung konnte der verrückte Ork eingeschlagen haben? Schließlich entschied er sich in Richtung des Baches zu laufen.
Aus irgendeinem Grund mochte Pugap Bäche und Flüsse. 'Wahrscheinlich ertränkt er dort immer sein Opfer...', überlegte er, da wurde ihm wieder schlecht. Nun konnte er es nicht mehr halten und er erbrach sich erneut. Er wischte sich kalten Schweiß aus dem Gesicht.
'Ich werde ein guter Junge sein, wenn nur irgendjemand der Kleinen hilft... Wirklich...', betete er und er rannte. Er trug keine Schuhe und so zerstach er sich die Fußsohlen schon nach wenigen Schritten. Der Ast eines wilden Pflaumenbaumes zerriss ihm das Hemd.
Beim Sprung über einen umgefallenen Baum stürzte er und schürfte sich den rechten Arm auf. Als er am Bach ankam sah er aus als wäre er von irgendjemandem verprügelt worden.

Fast schon panisch und völlig atemlos rannte er das Ufer entlang. Frösche sprangen quakend auf als er durch das Dickicht des Schilfes rannte.
"Pugap!", schrie er und völlig flatterten erschrocken auf als er an einer kleinen Stromschnelle zum Stehen kam.
Es kam keine Antwort. In diesem Moment hasste er sich. Er hasste sich dafür, dass er keine Ausdauer hatte. Er hasste sich dafür, dass er eingeschlafen war. Er hasste sich dafür, dass er das Mädchen im Stich gelassen hatte. Er hasste sich dafür, dass er überhaupt jemals mit Pugap zusammen gearbeitet hatte. Langsam strich er sich Tränen der Frustration aus den Augen, sah sich an der Stromschnell um, da hörte er es: ein langer Mädchenschrei. 'Nicht weit von hier!', schoss es ihm durch den Kopf.
Eine Welle der Kraft erfasste ihn und er begann erneut zu rennen. Nicht weit von dieser Stelle lag eine große Lichtung in deren Mitte ein einzelner Busch wuchs. 'Da sind sie....', keuchte Yas Verstand als er in der Ferne das breite Kreuz von Pugap sah.
Schon machte sich der findige Generalist bereit seinen mächtigsten Zauber gegen den Ork zu schleudern, da erkannte er, dass Pugap gerade zu Boden ging.