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25.12.2013 20:10:34
[Orchidas] Der Krieg frisst seine Kinder (#74176)
Mash
Die Gischt spritzte hoch und sprenkelte den glänzenden Schild mit Myriaden kleiner Tropfen. Der Mann, der am Bug stand und ihn den Wellen entgegenragte, hatte den Blick fest auf einen kleinen Fleck am Horizont gerichtet. Sein Gesicht war jung und milchig hell, mit elegant geschwungenen Lippen, die erwartungsvoll leicht offen standen. Braune lange Locken drangen unter seinem Helm hervor. In der einen Hand hielt er jenen Schild, in der anderen einen kupfernen Speer. Von gleichem Material und edler Fertigung war der Brustharnisch, den er über der durchnäßten Tunika trug. Letzteres schien ihn nicht im Geringsten zu stören. "Geht es nicht etwas schneller, Kapitän? Wir stehen ja fast still." rief er nach hinten. "Nur wenn Ihr die Winde lenken könnt, Herr.", schrie der vollbärtige Seebär von der Steuerspinne entgegen. "Ahnungsloser Spinner... Neunmalkluge Landratten.", brummte er leise in den ansehlichen Bart.

Die Landratte am Bug hiess Orchidas, und die Entgegnung des Kapitäns überhörte er. Er war in Gedanken bei dem Brief, den er im Hause seines Ziehvaters Niropolas erhalten hatte: "Geehrter Niropolas, mit Bedauern müssen wir Euch vom Tode Eures geschätzten Freundes Omandias unterrichten. Bitte sendet keine Briefe mehr." Mehr war es nicht gewesen. Keine Botschaft an Orchidas, kein Wort von seiner Pflicht. Offenbar hielt man es für unmöglich, dass er nach über fünfzehn Jahren in der Ferne seinem Vater die Letzte Ehre erweisen würde. Wer auch immer die Botschaft geschrieben hatte, hatte sich gewaltig getäuscht.

Nein, im Gegenteil, das weite Anwesen Niropolas war ihm schon lange zu klein vorgekommen, die wenigen Scharmützel der Stadt waren eher Vergeltungsaktionen gegen einzelne Fischerdörfer gewesen. Diese waren eine willkommene Ablenkung vom Alltag, doch damit war es dann auch schon getan.

Und dennoch...

So sehr er es sich wünschte, das Land Amdir, wo er geboren worden war, wiederzusehen, so wenig passte ihm die Art und Weise, wie es geschah. Doch die Zeit zum Trauern würde bald kommen. Jetzt beobachtete er wie sich die Schemen einer Hafenstadt aus den Bergen schälten.

Amdir.... seine Heimat. Endlich war er zurück.
29.12.2013 13:12:41
Aw: [Orchidas] Der Krieg frisst seine Kinder (#74226)
Mash
Mirhaven hatte sich verändert. Oder war es einfach nur zu lange her, dass er in diesen Gassen gespielt hatte? Jedenfalls hatte er sich ziemlich sicher verlaufen. Die alten Docks waren schäbig wie eh und je, einige Geschäfte waren zugenagelt, dürre Straßenhunde liefen vor Orchidas Füßen herum. Um sie loszuwerden, warf er ihnen einStück hart gewordenen Schifsszwiebacks zu, um dessen Krümel sie sich rissen. [i]"Nicht mehr sobald Ihr es mal gekostet habt"[/i], sagte er leise vor sich hin. Es hatte keinen Zweck mehr: Dieses Herumlaufen war nichts anderes als sinnlos. Die Wiedersehensfreude etwas gedämpft, stiess er einen Seufzer aus und wanderte weiter, die Augen über die ihm unbekannten Gebäude schweifen lassend. Fast schon am Ende der Straße arbeitete ein Tischler im Freien, er hobelte dicke Späne von einem Brett. Das Haus, vor dem er stand liess in Orchidas Bauch ein seltsam vertrautes Gefühl aufkommen, und plötzlich wusste er (oder meinte zu wissen), dass er vor langer Zeit dieses Haus einmal gesehen hatte. Doch das gutmütige Gesicht des Tischlers war ihm völlig fremd, und überhaupt war der damalige Bewohner schon alt und etwas tattrig gewesen. War es wohl sein Sohn? Als Orchidas herantrat, breitete sich in ihm Angst aus: Würde er erkannt werden?


[i]"Grüße, Freund. Ich suche das Haus von Omandias dem Feinschmied. Er ist... ein alter Freund."[/i]

Das Geischt des Tischlers fiel zusammen wie ein Kartenhaus. Er blickte Orchidas in die Augen und sprach leise:

[i]"Tymora Grüße Euch auch. Ihr habt es wohl noch nicht gehört: Kelemvor hat Omandias vor einigen Monden geholt. Er hatte ein gutes Begräbnis, mit Blumen und seiner Familie und all das. Es tut mir Leid für Euch."[/i]

Er musste Orchidas Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn gleich liess er den Hobel los und setzte fort:
[i]
"Hört zu, ich lade Euch auf einen Krug Bier bei Domalds ein. Wir können auf seine Ehre trinken."[/i]

Orchidas hörte ihn fast nicht. Die Worte klangen noch in seinen Ohren nach. Irgendetwas war falsch, doch er konnte nicht den Finger darauf legen. Mit Mühe kämpfte er zurück, was sich in ihm aufwallte. [i]"Ich muss dringend zu seinem Haus und habe keine Zeit. In welcher Richtung liegt es?" "Da drüben die Gasse rein, auf der linken Seite. Wollt Ihr Euch nicht hinsetzen, Junge? Ihr seht bleich aus." "Es braucht Euch keine Sorgen zu machen. Bitte trinkt auf die Ehre meines Va.... Freundes."
[/i]
Das Brennen in seinem Magen wurde stärker, als er sah dass der Tischler die Stirn runzelte. Der Kerl war nicht dumm. Orchidas murmelte einen Abschiedsgruß und ging schnell die Gasse hinunter.