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10.11.2007 12:15:43
Von Palantir und den Helden (#2940)
lori4ever
[size=4]Ein langer Tag (Prolog)[/size]

Den ganzen Tag ist er gewandert von Elboria über die weite Ebene zur Stadt der Menschen. Immer wieder hat er sich im Gebüsch verstecken müssen oder flach ins hohe Gras legen, wenn wildes Getier ihm den ebenen Weg auf der Straße versperrt hat. Jetzt ist er endlich angekommen im Silbernen Drachen, die Kleidung zerrissen von den Dornen, die Handflächen zerschunden und der Magen leer. Aber die Menge wartet schon, man trinkt nicht gerne ohne Musik. Und so beginnt er, leise die Laute zu spielen, wobei er sich möglichst in der Ecke hält, denn unter den großen Menschen kommt er sich allein sehr verloren vor.

Das Wirtshaus ist voller Männer, keine Frau zu sehen. Schlecht für ihn, den kleinen Gnom, denn er weiß, am Ende werden alle betrunken sein und nach Hause wanken. Für ihn wird kaum Trinkgeld abfallen. Am Nebentisch beginnen sie sich zu streiten, wer der größere Held sei, wer die meisten wilden Tiere erlegt oder Orks in den Bergen gejagt habe.

Einer der Kerle wirft ihm eine Goldmünze zu: „Du da, Spielmann, sing uns eine Heldengeschichte, damit ihr Einfaltspinsel seht, was ein richtiger Held ist.“ Seufzend denkt der Gnom, dass sie sich wenigstens seinen Namen merken könnten. Palantir klingt zwar fremdländisch, aber er wäre ja auch mit Pala zufrieden. Dann beginnt er zu spielen und zu singen von Ylfegist, einem Helden der Menschen in seiner Heimat vor langer Zeit.
10.11.2007 13:21:58
Von Palantir und den Helden (2) (#2945)
lori4ever
[size=4]Das Lied von Ylfegist[/size]

Wahrlich, große Taten aus alten Tagen
sind auf uns gekommen, als der Kampfgenosse
der Elfen, Ylfwine, sich Ehre erwarb
unter den Immerjungen. Ihm wurde geboren
ein stattlicher Sohn, der in der Stadt
den Elfen und Gnomen gar gut gefiel,
da neben Heldenkraft ihm Harmonie in die
Wiege gelegt wurde. Oft weilte er
bei diesem Volk und erwarb Fertigkeit
von Ihnen, und wurde Ylfegist genannt.
Gut und gerecht war er, groß und gewaltig,
Gast der Elfen sowie der Gnome.

Als aber sein Vater gefällt wurde im Kampf
an der Seite der Elfen in stürmischer Schlacht,
und in blutiger Rüstung sie brachten den Leib
vor Ylfegist, da wurde irre
vor Schmerz des Starken Geist und schmähend sprach
er im Wahn. Böses war am Werk,
als er den Elfen das ewige Leben
neidete beim Anblick des Niedergestreckten.
In Raserei zog er sein Racheschwert
und bedrohte blind die Beistehenden.
Da aber fiel ihm Aldor in den Arm,
den er liebte unter den Lebenden
am besten. Zur Besinnung bringen
wollte der Freund den Freund, doch falsch verlief
die gute Sache, als grausam drang
des Schwertes Spitze dem Schlichter geschwind
in des Herzens Hof. Harter Hieb nahm
Aldor das Leben, dem Anmutigen,
dem edlen Sproß der Elfen Sippe.

Stumm stand der Schuldige und senkte das Schwert,
als rächend die Elfen ihn richten wollten,
doch Ealdaldor, der Ehrwürdige,
ergriff das Wort: „Wehe, welch’ Wahn wütet
in dir, Ylfegist? Ein Irrweg ist es,
dem du folgest. Dein Vater ist fort,
sein Leben gestohlen wie das meines Sohnes,
den du liebtest. Nicht leiden mag ich
weiteres Blut, Bitterkeit und Böses
an diesem üblen Tag. Nun höre, Treuloser,
uns neidest du, dass niemals die Nacht
uns ewiglich umfängt, doch endlose Erdentage
sind bald Bürde. Die Verbannung soll dich
diese Lektion lehren, lang werde dir das Leben
fern der Freunde. Frieden finde
auf keinem Eiland. Einsam eile übers Meer,
und Holmgist heiße, Gast der hohen See,
bis du, des Lebens leid, vom Schicksal gelenkt
einen Ort erreichst der Rache und der Reue.“

Da schämte sich Holmgist, doch sein Stolz stärkte
die Fänge um sein Herz und er verfluchte
die Götter für sein Geschick. Er ging fort,
verließ Nachbar und Freund und nahm mit sich nichts
als Waffe und Wehr und einen Wicht,
einen buckligen Gnom, dem er verbunden
sich fühlte allein. Ausgestoßen war auch
dieser oft gewesen, der nun Holmgist dankte
den Schutz des Schwertes. Nie schmeichelte
dem Gnom der große Mensch, der gefallene Held,
noch gab er gütig’ Wort dem guten Greis,
Eordh, Sohn der Erde. Doch ehrte ihn jener,
denn er duldete nicht, dass den Diener
man verspotte, und streng strafte er die,
die es wagten. So war es der Wicht
zufrieden und folgte, und führte mit sich
die Harfe des Helden. Holmgists Hand hatte
stets machtvolle Lieder den Saiten entlockt
als er am Elfenhof in Ehren stand,
der beste der Sänger, Zier der Barden.

Doch Düsternis war in sein Herz gedrungen
wie prohezeit, und empfindungslos
wurde sein Sinn für Schönheit,
für die Fülle des Lebens und die Freuden der Welt.
Ablenkung suchte der Ausgestoßene
in gewagtem Streit mit jedwedem Wesen,
Monster wie Mensch oder dunkle Macht.
Bekannt war sein Wappen für Waffenruhm,
die Leere in ihm aber linderte
der Sieg im Streite nicht. Auch Sangeskunst
berührte nicht länger den rastlosen Recken,
stumpf war sein Sinn, scharf nur sein Schwert.

[ ... ]

Kunde kam letztlich an fremde Küste
zu Holmgist, dem Held, der Heimat fern
im dreißigsten Jahr, von einem Drachen,
groß und grausam, der Gold und Gemmen
in seinem Hort argwöhnisch hüte.
In seinem Schatz aber seien zwei Steine,
in welchen halle die hehre Harmonie
des Urgrunds, aus dem in uralter Zeit
Materie und Magie gemacht und
gewoben wurden. Da wallte Hoffnung
dem Barden im Busen, und zu bringen
gelobte er, der Leidgeprüfte,
dies Artefakt als Wergeld für Aldor
zum Volk der Elfen, zum Vater des Freundes.
Und ob im Unterfangen sein Untergang
ihm drohe vom Drachen oder den Degen
und Schwertern der Freunde erschien ihm gleich,
und er hieß es gut, der Gramgebeugte.

Auf weite Wege wagte sich der Held,
bis mühsam er fand inmitten des Meeres
die Dracheninsel. Dorthin drang er vor
und fand den Wurm in einem Felsenring
von schwarzem Stein, schroff und steil zu See
hin fallend, doch glatt von Feuer
und leblos innen. Als Eordh der Leere
und wilden Wüstenei gewahr wurde,
fürchtete er sich, doch mit fester Stimme
verkündete er, der Kleinwüchsige:
„Laßt mich mit euch gehen, mein Lord, denn lange
schon stand unser Schicksal unter gleichem Stern,
und so teilen wir es auch im Tode.“
Gerührt von der Rede des Redlichen
war Holmgists Herz, ein Hochgefühl,
wie der Kühne keines mehr gekannt,
seit er verstoßen war aus der schönen Stadt
der Elfen und Gnome. Er entgegnete
dankbar dem Diener: „Gedenken werde ich
allzeit des Angebots, und aufrechter
sprach ein Buckliger nie. Es gebührt dir
Lob und Ehre, doch dein Los am Ende
ist meinem verschieden, so schaue ich es
und werde nicht getäuscht, mein treuer Freund.“
Er umarmte Eordh im Abschied
und die große Harfe, die goldene,
und alle Güter gab er dem Gnom
außer dem Ahnenschwert von alter Art
und der Rüstung. Des Recken Sache war gerecht,
und rächen wollte er die Reihen derer,
die des Wurmes Taten in den Tod getrieben.
Zu Staub zerfallen blieb nur ihr Schatz,
der Hort des Drachen, seine Heimsatt.

Es nahte sich Holmgist, der Heimatlose,
die Augen er wandte vom Antlitz des Drachen,
den tödlichen Blick des Tückischen meidend
und die heiße Lohe aus des Halses Schlund.
Einen kraftvollen Hieb führte der Kämpe
mit dem Altschwert. Das Erbstück der Ahnen
probte die Drachenhaut. Doch dick war diese,
die kunstvolle Klinge kerbte sie kaum.
Nur ein Splitter sprang vom Schuppenpanzer,
durch Zauber aber zerbarst das Schwert
bis kurz übers Heft. In der Hand des Helden
versagte den Dienst der gehärtete Stahl.

Des Wurmes Bosheit blitzte in seinem Blick
als seine Haut erzitterte durch des Helden Hieb.
Ein Schlag seines Schwanzes traf den Schild,
den ehernen Schutz, den mannshohen Schirm.
Die verzierte Kunst der Zwerge zersprang
durch verderblichen Fluch der Drachenhaut.
Ob der furchtbaren Wucht flog wohl dreißig Fuß
der Recke hin zum Rand des Felsenrunds,
wo schwarzer Stein dem Standhaften trieb
die Luft des Atems aus den Lungen,
so dass benommen am Boden den Blick
er wandt’ zur Weite, zum Dach der Welt.

Die Stunde gekommen sah Ylfwines Sohn,
um abzulegen des Lebens Last.
Die Bitterkeit ging, die ihn lange gebeugt,
und Reue drang dem Recken ins Herz.
Die Frevel und Fehde gegen die Freunde,
das Abwenden von den Allwaltenden
plagten sein Gewissen. Und die Götter
suchte zu schauen sein sehender Sinn.

Wahrlich, gewappnet wurde sein Wille da,
mit Kampfkraft kam der Kühne auf die Knie,
die Stirn zu bieten in starkem Streit
dem dunklen Verderben, dem düsteren Drachen.
Der verfluchtet Feind mit faulem Sinn
dachte durch schlimmes Spiel den Sieg zu kosten.
Den Wehr- und Waffenlosen wollte der Wyrm
nicht gleich entleiben, sein Leben enden.
Nicht probten die Pranken der Rüstung Panzer,
nicht züngelte Feuer, durch die Zunge gezügelt,
doch Brodem blies er dem Bied’ren entgegen,
den Tapf’ren zu treffen, ihn zu betäuben.

Den Schildarm streckte der Starke empor,
in wehrender Geste dem grausen Gegner
des Rundschilds Reste entgegen reckend.
Und siehe, es wand der würgende Qualm
sich um den Arm, sich auf und auftürmt
als mächtiger Schild. Magie der Götter
war hier am Werk, und wutentbrannt
schleuderte der Lindwurm versengendes Feuer
entgegen dem Guten. Allein, der göttliche
Schild aus Schatten, aus erstickendem,
faulem Atem geformt, verzehrte die Flammen.
Unbeschadet blieb dahinter der Barde.
Das Heft seines Schwerts hob er in die Höh’
als Zeichen des Trotzes, so handeln Tapf’re.
Um der Klinge Rest sich ringelte
des Drachen Lohe, bis lang und leuchtend
eine sengende Säule zu den Sternen ragte.
Wehr und Waffe waren dem Helden geworden
aus der Glut der Hölle und göttlicher Gunst.

Beseelt stieß er schnell mit starkem Arm
die gesegnete Spitze des heiligen Schwerts
in den Drachenhals. Es durchdrang den Panzer
die gewandelte Waffe und wütete dort.
Zurück sprang der Wyrm und spürte sodann
versiegen die Kraft seiner Sehnen,
sein Ende nahen, den ewigen Schlaf.
Er kroch geschlagen mit letzter Kraft
zum Horte hin. Auf den Haufen hievte er
die Last seines Leibes und lag dort lang
auf Gold und Geschmeide, die Gemmen begrub so
der Todgeweihte. In seine Tatzen
schloß er schwer je einen der Steine,
sie wehrend dem Held. Mit der Weitsicht
des Todes trug er dem Trefflichen Kunde,
dass diese Beute er nicht bergen könne,
ein Frevler der Götter und der Elfen Geschlecht.

An Bitterkeit rührte der Boshafte
und vermessene Rede führte der Recke:
„Deinen hohen Hort magst du hüten
im Tod bis die Tage der Erde getilgt sind,
die Kleinodien, sie kümmern mich nicht.
Doch die Steine erstrebe ich stürmisch,
welche widerhallen das Lied der Welten
in hehrer Harmonie. Nicht hindern sollst du
mein Werk, übler Wurm, den ich überwand.“
Frei war die Rede, wie es Freien geziemt,
doch durch Schandtat hatte Schuld auf sich
geladen der Liebling der Elfen, bevor Leid
diesem braven Volk er beigebracht.
Mit boshaftem Blick bedachte der Wurm
ihn zum letzten Mal. Sein Leben hauchte er aus,
sein Feuer erstarb, und das flüssige,
schwarze Blut in ihm wurde zu Stein.
Die Pranken allein pulsierten noch,
denen der Liedstein Leben verlieh,
mit der Macht der magischen Musik
wallte weiter das Blut. Der Wehrhafte
versuchte vergeblich, den Gliedmaßen,
den riesenhaften, zu entreißen den
Schatz, den singenden Stein. Da entsann er sich
der Feuerwaffe, und fest trieb er sie
mit beiden Händen hinein in die Haut.
Bitter wurde ihm dies, und er büßte schwer
die unbedachte Tat. Ohne den Turmschild,
der ihn geschirmt, spritzte Blut schäumend
auf das kunstvolle Hemd aus eisernen Ketten,
darunter das Leder. Die Lagen durchrang er,
der giftige Ausfluß, und die Arme peinigte
scheußliche Hitze mit schlimmem Schmerz.

Zurück sprang der Held und zog verzagt
die Klinge der Götter aus der klaffenden Wunde,
doch es endete deren Elementargewalt
vor seinen Augen. Nur die abgebrochene
Klinge verblieb ihm. Nun kam ihm
in den Sinn, was gesprochen der Wyrm,
und er wusste, dass wahr es gewesen.
Müde wurde zuletzt der mutige Mann
und wünschte die Welt auf der Walstatt
zu verlassen. Sein Leben legte er
in die Hand der Götter und erhob ein Lied,
der sagenhafte Sänger, und stimmte an
eine gewaltige Klage von großer Kunst.
Bitterkeit trugen die tiefen Töne,
zielten auf Zank, beschrieben den Zorn,
die Mitte verlieh der Müdigkeit Ausdruck,
dem schmerzlichen Leid, der Bürde des Lebens.
Doch die Höhe drückte Demut aus und
Flehen um Erlösung. Als nun das Lied erklang,
da begann es dunkel und düster tief,
aber die Höhen wechselten und wogten hin und her,
bis lyrisch leuchtete die mittlere Lage.
Schließlich jedoch erklang kräftig und klar
die erhabene Höhe, und es strahlte hell
das mächtige Motiv. Kein Mensch, so schien es,
war zu hören in der höchsten Harmonie,
sondern Widerhall von göttlichem Walten.

Im Ausklang schauten letztmals Augen
von Sterblichen den Sängerheld.
Hernach blieb von Holmgist, dem Heimgekehrten,
nichts auf dieser Erde, und sein Ende,
sein letzter Gang, ist der Götter Geheimnis.

Epilog:

Erzählt wurde in späteren Zeiten,
dass nach dem Hinscheiden des Hüters des Horts
und der Entrückung von Holmgist, dem Recken,
Eordh gelobt habe zu Ende zu bringen
die gesegnete Sache und Suche seines Herrn
nach Vergebung und Gnade daheim.
Geschmiegt habe sich da der Schattenschild
schirmend um die Schulter, und mit geschütztem Arm
habe er den Schatz, den heiligen Stein,
bergen können aus dem kochenden Blut,
worauf die Wehr, der wallende Qualm,
vom Wind verweht worden sei. Der Waffen Reste,
ihrer Macht beraubt, markierten seither
die höchste Stelle des schwarzen Steinwalls,
wo Eordh sie der Erde gelassen,
falls in dieser Welt dereinst wieder wandle
Holmgist, sein Herr. In die Heimat sei
der Gnom gesegelt und habe glühend dort
für Holmgist gesprochen und Ealdaldors Herz
durch Rede erweicht. Gerührt sei dem Recken
verziehen und durch heilige Zauber
der Stein geschützt worden auf einem Schrein
in Holmgists Haus, nun Eordhs Heim.

Wenn dieser Redliche fortan die Harfe rührte,
das Vermächtnis des mächtigen Meisters,
habe es geschienen, als sei der Streiter selbst
heimgekehrt, der Pilger, und habe seinen Platz
wieder genommen und sei erneut
der Gast der Elfen. Den Gnom hätten daher
die Elfen nicht länger Eordh genannt,
sondern Ylfegist, und ihm immer
Ehre erwiesen bis zu seinem Ende.
10.11.2007 13:24:05
Von Palantir und den Helden (3) (#2946)
lori4ever
[size=4]Palantirs Traum[/size]



Als er geendet hat, brummt einer der Männer am Tisch unwirsch: „Das war ja endlos. Nächstes Mal bestell lieber ein Trinklied.“ Und schon streiten sie sich wieder, alle mit glasigen Augen. Schnell zieht sich der Gnom an die Theke zurück, bevor die Humpen fliegen und er mitten im Tumult steht. Ein Goldstück, das reicht für eine Mahlzeit, ein Bier und eine Übernachtung. Während der Geruch seines Essens schon aus der Küche zieht, denkt der Kleine wieder an Ylfegist und Eordh. Eine alte Geschichte, die er lediglich in Verse geformt hat. An das große, steinerne Haus in der Stadt der Elfen und Gnome, sein Elternhaus. Und darinnen die goldene Harfe, auf der er spielen durfte, während sein Vater Palandor ihm ihre Herkunftsgeschichte erzählte. Er, jung und hochmütig, denn schnell war er gewesen im Lernen und groß war die Fertigkeit seiner Finger.

Und der Stein auf dem Altar, von dem der Segen des Hauses von Eordh abhing, sollte man seinem Vater glauben. Hineingesehen hatte er, und die wunderbare Musik gehört, von der man hinterher nicht sagen kann, wie oder was sie ist, außer dass sie vollkommen war in dem Augenblick, als man sie hörte. Doch Lauschen und stilles Lernen waren nicht seine Sache gewesen, Meisterschaft wollte er zu dieser Zeit erringen über alle Dinge. Von den Liedportalen der Illefarn wusste der junge Palantir, und sah in dem Stein nur ein jenen verwandtes Instrument. Zu lenken versuchte er daher die Große Musik, um ihre Geheimnisse zu entdecken, den Ursprung dieser und anderer Welten. Doch makellos ist die Große Musik, und sie zu lenken heißt sie zu mindern. Disharmonie flocht er hinein, und die Welten, die ihm enthüllt wurden, waren nicht mehr rein, ihr Gleichgewicht von Materie und Magie gestört. In die traurigen Augen eines Mädchens blickte er schließlich, das in einer Welt gänzlich ohne Magie lebte. So groß war da das Chaos, das er in die Musik gewoben hatte, dass der Stein nicht länger aus ihren reinen Schwingungen sein Leben beziehen konnte, und in einem sengenden Blitz verging ihre Herrlichkeit.

Ausgestreckt auf dem Boden hatte ihn sein Vater gefunden, und lang war Palantirs Weg der Genesung gewesen zurück von der Schwelle des Todes. Vergangen waren hernach für immer seine schnelle Auffassungsgabe und sein Feingefühl, mit ihnen aber auch sein Hochmut und sein Stolz. Geblieben war ihm das Bild des traurigen Mädchens im Herzen, wo nun zum ersten Mal auch Demut wohnte und Hingabe und Liebe zur Musik statt deren Meisterung. Geblieben waren ihm auch Narben um die Augen, die ihn allzeit erinnerten und Scham in ihm weckten, denn vom Vater bekam er kein böses Wort. Stumm blieb fortan die goldene Harfe von Ylfegist, und es schien, als ob sein Geist nicht länger das Haus schirmte.

Fortgegangen war er schließlich gegen den Willen des Vaters, dessen Güte ihn schmerzte wie eine tiefe Wunde. Klar hatte er nur ein Bild vor Augen: das des traurigen Mädchens. Vage hingegen war sein Bild von der Zukunft…eine Dracheninsel…oder eine, die es gewesen war…ein Ringwall von schwarzem Stein…er und eine Schar von Helden von Ylfegists Art…nicht Aufschneider, wie die Meute, die lieber Trinklieder hört als wahre Heldengeschichten…

Er schreckt hoch aus seinen Träumereien, als ihn jemand von der Seite anstupst. Er blickt in ein schönes Gesicht, das zu der hohen Gestalt einer Frau in einem sehr erlesenen Kleid gehört. „Wovon träumst du, Palantir?“ Er stammelt etwas von der Vergangenheit, der Zukunft, eigentlich beidem. „Nun, ich kann in die Zukunft sehen, zumindest in die nahe“, lacht sie, „und ich sehe darin ein weiches Bett.“ Sie reicht dem Wirt ein Goldstück für seine Mahlzeit und ein Nachtlager und lächelt ihm wohlwollend zu, bevor sie sich grazil entfernt.

Die Zukunft…wahre Helden…wahre Freunde…er kennt sie bereits…er darf hoffen.
10.11.2007 13:28:34
Von Palantir und den Helden - eine erste Spur? (#2947)
lori4ever
Lange Jahre hatte man Palantir nur ausgelacht, wenn er von der Urharmonie sprach, aus der nach seiner Vorstellung die Magie und die stoffliche Welt hervorgegangen waren, und die sogar andere Welten verband. Eines Tages jedoch trug er diese Ansichten Afyan vor, einem Adepten aus der Stadt Umbravar. Dieser war der erste, der nicht lachte, sondern sich vielmehr interessiert zeigte, war er doch auf der Suche nach dem Ursprung der Magie. Er erzählte Palantir, dass man in Umbraver einst reine Magie gewirkt hatte, vor der Spaltung der magischen Quelle in das Gewebe und das Schattengewebe. Da fühlte Palantir sich bestärkt und trug ihm das Lied von den Illefarn vor und von ihren Liedportalen. In diesen, so glaubte er nämlich, klinge die Urharmonie nach, woraus ihre große Macht erwüchse, Orte, Zeiten, und womöglich sogar Welten zu verbinden.

Scheinbar geduldig hörte Afyan den umständlichen Erklärungen von Palantir zu, der nicht die lodernde Begierde des Mannes aus Umbravar bemerkte. So gelang es Afyan, Palantir auch die Geschichte von Ylfegist zu entlocken und Palantirs Hoffnung, die zweite Sphäre zu finden, in der das Alte Lied angeblich widerhallte. Denn lebten nicht einst die Drachen auf Amdir und den umgebenden kleineren Inseln?

Geschickt und glattzüngig gelang es Afyan dann, den vorbeischreitenden Ragor dazu zu überreden, ihnen Aufzeichnungen über den Drachen zu suchen, der der Legende nach von dem großen Helden von einst erschlagen worden war. Palantir freute sich sichtlich, über den scheinbar so selbstlosen Beistand des Fremden aus Umbravar und sehnte es herbei, zu einer großen Suche aufzubrechen.